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Mitfahrt auf einem Frachtschiff

 

Eigentlich hatte ich schon immer davon geträumt, einige Tage als Matrose auf einem Frachtschiff mitfahren zu können.  Endlich hat sich mein Wunsch erfüllt, ich wurde eingeladen für einen Tag auf dem Neckar auf einem solchen Schiff mitzufahren. Es war der Frachter „Neckarschiff“,  der schon über 100 Jahre alt ist, eine Länge von 105 Meter und eine Breite von 10,20 Meter hat.  Das ist, wegen der Schleusenlänge, die maximale Schiffslänge  für Neckarschiffe. Beladen war das Schiff wie immer in den letzten Jahren, mit Sand von Port Louis (Elsaß). Die Ladung wog wegen des niedrigen Wasserstands im Neckar „nur“ 1900 Tonnen. Wenn genug Wasser unterm Kiel ist,  kann das Schiff mit 2079 Tonnen beladen werden.

 Am 7. August 09 warteten wir gegen 10 Uhr am vereinbarten Startplatz. In langsamer Fahrt tauchte schließlich die Bugspitze in der Flussbiegung auf und ich konnte meine „seemännischen Fähigkeiten“ unter Beweis stellen, indem ich an der Pier die Vorleine übernahm und sie über den Poller legte. Eingestiegen bin ich zusammen mit weiteren Personen im Unterwasser der Schleuse Neckargemünd. Tagesziel war das Oberwasser der Schleuse Gundelsheim. Das Auto meines Freundes wurde mit dem bordeigenen Kran aufs Achterdeck hinter dem Steuerstand gehievt. Unter dem Achterdeck befindet sich die geräumige Wohnung des Schiffsführers. Es ist alles vorhanden, was man in einer normalen Wohnung auch erwartet: Küche, Bad mit Dusche, Waschmaschine und Trockner, Wohn- und Schlafräume etc. Die Wohnung ist beheizbar und klimatisiert.

Das Steuerhaus kann, falls niedrige Brücken zu unterfahren sind, abgesenkt werden. Klar, dass ich die meiste Zeit auf der Brücke verbrachte. Der freundliche Schiffsführer „Jürgen“ hat geduldig meine vielen Fragen beantwortet. Die technische Ausrüstung ist beeindruckend und, soweit ich es beurteilen kann, lückenlos. Mehrere Funkgeräte, Echolot, Logge, GPS, Radar, Drehzahlmesser etc. stehen dem Schiffsführer zur Verfügung. Gesteuert wird über einen elektrischen Schalthebel, der stufenlos nach rechts oder links bewegt werden kann. Die Steuerung ist mit einer zuschaltbaren Automatik verknüpft,  die am Ende einer Kurvenfahrt (also wenn der Steuerhebel wieder auf „Mittschiffs“ gelegt wird) die Kurvenbewegung des Schiffs durch automatisches Gegensteuern herausnimmt und zwar so lange, bis das Schiff tatsächlich geradeaus läuft. Es war für mich eine tolle Erfahrung, diese Steuerung für einige Kilometer auf der kurvenreichen Neckarstrecke bedienen zu dürfen. Natürlich stand Jürgen aufmerksam daneben und hat eingegriffen oder  Hinweise gegeben,  wo es erforderlich war. Wir fuhren  zu Berg und es ist üblich, dass der Bergfahrer die Kurve innen durchfährt, d.h. bei Linkskurven auf der linken Fahrwasserseite. In solchen Fällen wird die blaue Tafel auf der Steuerbordseite gesetzt und per Funk Kanal 10 die Steuerbord-Steuerbord – Begegnung mit eventuellen Talfahrern vereinbart.

Der Maschinenraum macht einen sauberen und aufgeräumten Eindruck. Nur die hohe Raumtemperatur veranlasst mich bald wieder an Oberdeck zu klettern. Das Schiff ist mit einem Deutz-Dieselmotor Typ 545 mit 800 PS  ausgerüstet. Für das Bugstrahlruder steht im Vorschiff eine weitere Maschine mit 275 PS  von Scania zur Verfügung.

Während der Fahrt ist mir die große Gelassenheit und Erfahrung des Schiffsführers und der freundliche Umgangston mit den Schleusenwärtern besonders aufgefallen, letzteres war für mich als Sportbootfahrer eine ganz neue Erfahrung.

Der mitgebrachte Picknickkorb wurde nach und nach leerer und die Getränke, wegen des heißen Wetters, immer wärmer. Der allgemein guten Stimmung tat das keinen Abbruch. Ab und zu schnallte ich meine „Quetsche“ um und spielte wehmütige Seemannslieder oder lustige Trinklieder zum mitsingen. Gegen 20 Uhr erreichten wir das Tagesziel Oberwasser Schleuse Gundelsheim. (Am nächsten Tag sollte das Schiff dann in Neckarweihingen entladen werden).  Wir hatten also  60 km auf dem Neckar hinter uns gebracht und dabei  7 Schleusen passiert. Es waren die Schleusen: Neckargemünd, Neckarsteinach, Hirschhorn, Rockenau, Guttenbach, Neckarzimmern, Gundelsheim. Nachdem das Auto wieder an Land gehievt war, klang unser Abend mit einem frischgezapften Pils in einem nahe gelegenen Biergarten aus.

Hier noch einige Informationen zum Neckar: Die Neckarschifffahrtsstraße hat eine Länge von 202 km mit 27 Schleusen in der Größe 110 m x 12 m. Die Höchstgeschwindigkeit für Boote beträgt 14 km/h. Die Durchfahrtshöhe mind. 5,5 m. Die Kilometrierung beginnt bei der Einmündung in den Rhein bei Rhein-km 428,2 (bei Mannheim) und endet in Plochingen bei der Einmündung der Fils mit km 202,55

 

Heribert Börsig

http://www.marinekameradschaft-heilbronn.de